Tag 056 - Eine der schönsten bisherigen Strecken

Tag 056, 22.05.2015 – Eine der schönsten bisherigen Strecken
Taraklı – Nallıhan

Fahrt über zwei Pässe
Da ich Samstag in Ankara ankommen will, stehe ich wieder etwas unter Zeitdruck. Allerdings gehe ich davon aus, dass ich schon einen Bus finden werde, der mich etwa 40 Kilometer vor dem Zentrum mitnimmt, damit ich nicht wieder auf den autobahnähnlichen Ringen lande wie in Istanbul oder St. Petersburg. Das Problem wird eher sein, mich in der Stadt zurechtzufinden.
Da es heute wärmer ist – und ein wenig nach Regen aussieht – ziehe ich endlich meine Sandalen an. Am 56. Tag der Tour! Die Wärme wirkt sich auch auf den Asphalt aus. So habe ich manchmal das Gefühl, dass meine Reifen mit dem Asphalt verschmelzen, entsprechend langsamer komme ich voran. Bei meiner letzten Velotour habe ich nicht so darauf geachtet, jetzt fällt es mir aber enorm auf, besonders geprägt durch den ersten Tag in der Türkei: Für die in den letzten Jahrzehnten errichteten Autostrecken hat man zig Berge durch Sprengungen geteilt. Anfangs habe ich für eine Stunde Rückenwind beim Bergaufstieg. Der steile Aufstieg zum Pass Meyitler Geçidi wird aber schwieriger. Ebenso wird es schwierig, dort wieder runterzufahren, denn die Straße ist alles andere als eben. Danach geht es wieder bergauf, der Pass selbst ist aber ziemlich eben. Außerdem ist er lange nicht so schwer zu erreichen wie der erste Pass. Und das, obwohl ich nach dem ersten lange Zeit abwärts gefahren bin und der zweite um 100 Meter höher ist. Von dort bis zur Stadt Nallıhan steigere ich meine Durchschnittsgeschwindigkeit um über 3 km/h.
Bei der Fahrt gibt es wunderschöne Ausblicke, das Wetter spielt mit und ich habe meine Freude. Kappadokien ist sicher die interessanteste Landschaft Anatoliens, aber auch hier kann man die Naturschauspiele sehr genießen. Die würden sich sogar bei Regenwetter lohnen. Was aber stört, ist der Staub, den ich immer abbekomme, wenn Autos vorbeifahren. Die Straßenränder sind voll mit Erde und kleinen Steinen. Ebenso stört es – nicht zum ersten Mal – dass Autos mich parallel überholen. Dass hier viele hupen, bin ich ja gewohnt. Fast immer sind dies freundliche Grüße. Aber bitte nicht, wenn sie mich auf gleicher Höhe überholen und genau dann ihre laute Hupe betätigen müssen. Sonst grüßen mich einige Dorfbewohner und Arbeiter auf dem Feld. Wirtschaftlich scheint es den Landwirten hier besser zu gehen als denen zwischen Odessa und Südbulgarien: bisher habe ich keinen gesehen, der sein Feld mit dem Pferd pflügt. Allerdings gibt es viele, die wohl den ganzen Tag nur nach ein paar Kühen schauen. Und den Osten des Landes muss ich auch erst mal abwarten, dort sieht es wirtschaftlich nicht so gut aus.

 

 

Nallıhan
Die Einfahrt in die Kleinstadt Nallıhan ist traumhaft und geprägt von schroffen Felsen. Unterkommen tue ich dort erneut in einem Hostel. Ich weiß nicht, ob es bei dieser Tour noch viel wird mit der Unterkunft bei fremden Leuten. Erstens peile ich immer wieder Städte an, wo dies schon ein bisschen schwieriger ist. Zweitens ist es auch in Ordnung, in einem Hostel zu schlafen, da die Preise günstig sind und es kein langes Geschäft ist. Am Abend gehe ich noch ein bisschen spazieren. Hier im Ort kann man in vielen spezialisierten Geschäften so ziemlich alles erhalten, sogar alkoholische Getränke. In einem Restaurant sprechen mich die zwei sehr jungen Bedienungen (ca. 10 und 16), die mich noch als den Velofahrer von vorher in Erinnerung haben, natürlich – in einigermaßen gutem Englisch – auf den FC Bayern München an. Die wenigen Frauen, die ich sehe, arbeiten entweder in Geschäften oder sind mit ihrem Partner unterwegs. So etwa wie am Montag Abend in Freiburg. Was mich innerlich schmerzt ist, dass die Leute hier durch Arbeit wenig Geld verdienen und ich vor ein paar Tagen viel an zwei kriminelle Gauner praktisch "verschenkt" habe. Und die haben es wirklich nicht verdient.

Essen
Was mir hier wieder auffällt, sind die jungen Herren, die auf der Straße stehen und ihre Sonnenblumenkerne essen und die Schalen auf den Boden spucken. Vielleicht meinen sie, das gehöre zu ihrer Kultur. Ab und zu sehe ich aber Leute, die es eher als ihre Kultur betrachten, die Schalen in den Abfalleimer zu werfen und nicht ihren Dreck zu hinterlassen. Ein „typisch“ türkisches Frühstück enthält Brot mit den Zutaten Joghurt, Butter, Tomaten, Gurken und Honig. Also etwa so wie daheim. Nur da heisst es eher Abendbrot. So weit ich weiss ist allein Joghurt, jedenfalls das Wort, türkischen Ursprungs. Und das Brot, das ich überall sehe, hat zwar unterschiedliche Formen, aber immer den gleichen Inhalt. Nämlich Weißbrot mit viel Luft.

 

 

 

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