Tag 078 - Wiederbelebung der Geschichte in Diyarbakır und Untergang in Hasankeyf

SA, 13.06.2015 – Wiederbelebung der Geschichte in Diyarbakır und Untergang in Hasankeyf

Diyarbakır – Hasankeyf

 

Fahrt durch die Geschichte Diyarbakırs

Am frühen Morgen überlege ich mir noch, eine weitere Nacht in Diyarbakır zu bleiben. Doch das empfohlene Ausgehviertel Ofis macht durch die Bilder, die ich im Netz gefunden habe, optisch nicht viel her. Falls ich noch mal herkommen sollte, würde ich es aber sicher aufsuchen. So fahre ich durch die noch immer von der alten Stadtmauer umgebene Altstadt, die gar nicht besonders groß ist. An einem Tag kann man hier alles sehen und zwar gemütlich zu Fuß. Zuerst fahre ich aber zum speziell auf Touristen ausgerichteten Veloladen, den mir die Amerikanerinnen beim Frühstück empfohlen haben, der mir aber überhaupt nicht weiterhilft. So geht die Fahrt weiter in dieser gar nicht für Räder gemachten Stadt: es ist oft holprig, es gibt viele Einbahnstraßen und sehr viel Verkehr.

Vor allem will ich zum ersten Mal zur 1371 erbauten armenischen Surp Giragos/ St.-Giragos-Kathedrale, der bedeutendsten in der Türkei nach der Kirche zum Heiligen Kreuz auf der Insel Akdamar. Sie wurde während dem Völkermord an den Armeniern 1915 zerstört, die bis dahin 40% der Bevölkerung Diyarbakırs darstellten. Es standen nur noch die vor Witterung ungeschützten Mauern. Nach dreijähriger Restaurierung und Wiederaufbau wurde sie 2011 wiedereröffnet. Weiter geht es zur Ulu Cami/ Große Moschee. Ursprünglich war sie eine Kirche, wurde 639 in eine Moschee umgewandelt und ist somit eine der ältesten Moscheen der Türkei. Seit meinem letzten Besuch 2007 wurde sie renoviert, wie man bei einem Vergleich meiner Fotos sehen kann.

Eigentlich hätte ich schon Lust, noch weiter durch die verwinkelte Stadt zu laufen, in der hinter jeder Ecke ein weiteres Geheimnis ihrer bunten Geschichte steckt. Und ihre tiefsten Geheimnisse habe ich noch nicht erkannt. Aber ich stehe unter Zeitdruck. Touristen gibt es hier wenige. Ein junges Paar aus Brighton, der schönsten und angenehmsten Stadt Englands, ist aber dabei. Sie sind sehr sympathisch und wollen in ein paar Tagen ebenfalls nach Hasankeyf. Kurz vor der Abfahrt komme ich bei einem Straßenhändler vorbei, der mir gerade recht kommt. Bei ihm kaufe ich einen neuen Geldbeutel (seit Ankara habe ich keinen mehr), einen Gürtel für meine zu lockere Hose und lasse mir noch weitere Löcher in meine Sandalen stechen. Ein Foto darf ich leider nicht machen, da das ganze Geschäft wohl illegal ist.

 

 

Aggressiver Mitarbeiter vor der Busfahrt nach Batman

Ich erkundige mich an verschiedenen Stellen, erhalte von einem Taxifahrer aber wieder die gleiche Antwort: der Busbahnhof für die Fahrt nach Batman ist der gleiche wie derjenige, an dem ich gestern ausgestiegen bin. Also 10 Kilometer entfernt Richtung Westen. Er macht mir das Angebot, mich hinzufahren. Da ich keine Lust habe, wieder in den großen Verkehr reinzukommen, mich wegen den paar Kilometern umzukleiden und dort verschwitzt anzukommen, sage ich zu. Der Preis ist in Ordnung. Dort angekommen, werde ich in der Halle bei der Erkundung nach dem richtigen Bus gleich von einem jungen Mann mitgeschleppt. Wir packen alles in den Bus, ich steige ein und will bezahlen. „15 Lira“ höre ich von dem Busangestellten (ca. 50) und das ist auch der Preis, den ich in etwa erwartet habe. Ich gebe ihm 50 Lira, kleiner habe ich es nicht. Ich verlange gleich nach dem Wechselgeld, aber er meint, er habe „50 Lira“ gemeint. Also ein viel zu hoher Preis. Ich schreibe ihm die Zahl „15“ auf, er schüttelt aber den Kopf. Ich frage die Fahrgäste der ersten beiden Reihen, ob von ihnen jemand Englisch spricht. Keiner fühlt sich angesprochen. Der Busfahrer klinkt sich auch ins Gespräch ein und will mir schließlich 10 Lira zurückgeben. Ich lehne dankend mit einem Lächeln ab und frage erneut die Fahrgäste, was sie denn gezahlt hätten und erhalte wieder keine Antwort. Schließlich mache ich klar, dass ich da nicht mitmache und steige aus. Der Angestellte kommt mir wütend hinterher und ich verlange die 50 Lira zurück. Da schaut er mich sehr böse an, schreit und beschimpft mich, rennt auf mich los und hebt die Hand. Andere Anwesende halten ihn zurück und holen sich die 50 Lira, die er sehr widerwillig aus der Hand gibt und reichen sie an mich weiter. Ein anderer Mitarbeiter öffnet die Gepäcktür und ich hole meine Sachen blitzschnell wieder raus. Nachdem ich mein Velo wieder gepackt habe, kommen die Anwesenden, die mir zuvor geholfen haben, auf mich zu und bieten mir einen Tee an. Ich lehne dankend ab, komme aber kurz ins Gespräch mit ihnen. Das klappt jetzt auch ganz gut ohne gemeinsame Sprache. Sie bestätigen mir, dass 15 Lira der normale Preis ist.

Ich setze mich hin, werde aber gut 5 Minuten später von einem der Männer an der Hand genommen und zu einem anderen Bus gebracht, der nach Batman fährt. Bevor ich einsteige, erkundige ich mich beim Fahrer, wie viel es koste. Er meint, es koste 15 Lira. So packe ich meine Sachen ein und setzte mich hin. Kurz nach Fahrtbeginn kommt einer der Mitarbeiter auf mich zu und verlangt 20. Ich mache ihm klar, dass 15 abgemacht waren, er bleibt aber standhaft. Da ich keine Lust habe, wegen der 5 Lira zu streiten, zahle ich halt die 20. Allerdings bleibe ich den Großteil der Fahrt ziemlich grimmig. Ich überlege sogar, Hasankeyf spontan ganz auszulassen und die Busfahrt soweit wie möglich an die Grenze nach Nachitschewan fortzusetzen. Hauptsache, ich komme aus der Türkei raus. Von diesem Land und seinen Bewohnern hatte ich - mit wenigen Ausnahmen - nach meinen ersten zwei Urlauben so einen guten Eindruck, der sich jetzt ziemlich ins Negative gewandelt hat. Ich habe zwar immer wieder Leute getroffen, die mir gegenüber wohlwollend und auch hilfsbereit waren. Aber die schlechten Erlebnisse nehmen bei dieser Reise einen breiten Raum ein.

Bei der Fahrt auf meistens ebenem Gebiet verpasse ich übrigens nichts. Manche Abschnitte sind wie daheim in Südbaden: viele Maisfelder und Storche.

 

 

Weiterfahrt für den dritten Besuch von Hasankeyf

In Batman angekommen, wird mir klar, dass Hasankeyf nicht so weit entfernt ist wie ich gedacht habe, nämlich nur 30 Kilometer. Es spricht also nichts dagegen, dorthin zu fahren, und zwar mit dem Rad. Vor allem habe ich genügend Zeit. Und ich freue mich besonders darauf, genau diese Strecke mit dem Velo hinter mich zu bringen. Die Ölpumpen am Straßenrand habe ich noch in Erinnerung und die schöne Strecke direkt vor Hasankeyf. Ich fühle mich sehr wohl bei dieser Fahrt, denn ich freue mich sehr darauf, wieder in Hasankeyf anzukommen. Diese Fahrt auszulassen, wäre ein großer Fehler gewesen.

 

 

Hintergrundinfo zu Hasankeyf

Das Südostanatolien-Projekt ist das größte regionale Entwicklungsprojekt der Türkei. Entlang der beiden Flüsse Euphrat und Tigris soll das Land wirtschaftlich erschlossen werden durch Staudämme, Wasserkraftwerke und Bewässerungsanlagen. Teil des ganzen Projektes ist der Ilısu-Staudamm, mit dessen Bau 2006 begonnen wurde. Die bisherige Erfahrung, z.B. mit dem ökonomischen und ökologischen Desaster des Atatürk-Staudammes kann die türkische Regierung kaum von der Durchführung des Projektes abhalten. Argumentiert wird mit alternativer Stromgewinnung, neuen Arbeitsplätzen und Tourismus. Nicht genauer eingegangen wird aber auf die Umsiedlung von 11.000 Menschen, die Versenkung der uralten Felsenstadt Hasankeyf im Stausee, drohende Wasserkonflikte mit den Anrainerstaaten Syrien und Irak, ganz zu schweigen von einem möglichen Konfliktpotential mit der PKK. Der alten Felsenstadt am Tigris, die seit über 10.000 Jahren kultureller Schauplatz war, droht also der Untergang. Für die Kurden hat dieser geschichtsträchtige Ort den Status eines nationalen Erbes. Neben einer Brücke im Fluss kann man im alten Hasankeyf auf der Anhöhe Paläste, Moscheen und Felsenwohnungen sehen. Neben den paar o.g. Vorteilen drohen also negative Auswirkungen in den Bereichen Ökologie, Politik, Sicherheit, Kultur und Soziales. Die antiken Orte Zeugma und Allianoi wurden durch das Projekt schon überflutet.

 

Ankunft in Hasankeyf

Ich freue mich sehr auf den dritten Besuch von Hasankeyf. Allerdings wird mir schon auf der Brücke über den Tigris klar, dass meine bisherige Unterkunft direkt am Fluss nicht mehr existiert, in der ich 2003 und 2007 bei Bülents Restaurant übernachtet habe. So frage ich gleich am Ortseingang nach Bülent. Man weiß gleich, wen ich meine und führt mich ein paar Meter weiter vor ein Restaurant. Ist stelle mein Velo ab und beim Eintreten steht sofort Bülent vor mir. Er erkennt mich sofort wieder und umarmt mich. Sehr schön, hier Bekanntschaften zu haben!

Mit dem Sonnenuntergang von weiter oben im historischen Ortsteil wird es leider nichts. Nein, zu spät bin ich nicht, dass hätte noch gereicht. Aber der Zugang ist versperrt. Ich gehe davon aus, dass der ab einer bestimmten Zeit geschlossen wird.

Wie ich schon bei meinen letzten Besuchen mitbekommen habe, sind die meisten hier mehrsprachig. Und zwar nicht nur Kurdisch und Türkisch. Der Sohn von Bülent, der im Jahr meines ersten Besuches (2003) zu Welt kam, spricht auch ein wenig Arabisch. Englisch kann er recht wenig, ich lasse durch seinen Vater aber übersetzen, dass er das auf jeden Fall auch noch lernen soll. Er sagt mir auch, warum letzte Woche so viele Kinder vor Ferienbeginn nicht in der Schule waren: in der letzten Wochen gibt es einfach nichts Wichtiges in der Schule, da wird man halt auch mal in der Familienarbeit eingesetzt. Ebenso berichtet er mir, dass er das Café am Fluss vor 4 Jahren schließen musste, etwa zur gleichen Zeit mussten die Bewohner im Bereich der 10.000 Jahre alten Siedlung ihre Felswohnungen verlassen und das ganze Gebiet wurde abgesperrt. Auf legalem Weg kommt also nicht mehr dorthin und ins antike Felsendorf. Ansonsten hat sich hier noch nicht viel verändert. Die Stadt steht noch, der Fluss führt noch kein höheres Wasser als früher. Aber ich bin mir echt nicht sicher, wie das hier weitergehen wird. Einer der alten römischen Brückenpfeiler wird gerade renoviert. Früher war hier nicht so viel Tourismus. Die meisten Besucher sind Türken, im Winter kommen wohl viele aus Südostasien. Ihre Zahl ist für diese kleine Stadt zwar recht groß, aber trotzdem überschaubar. Und eigentlich finde ich es gut, dass sie hier sind, obwohl sie die eigentlichen uralten Schätze der Stadt gar nicht besichtigen können.

 

 

 

Das geplante heutige Ziel ist, wenn auch durch vergleichsweise wenig eigene Kraft, erreicht. Dafür bin ich am Abend in entspannter Atmosphäre, habe das ganze Café mit Blick auf die Altstadt und den Fluss für mich. Und das Wetter ist sehr angenehm: wohltuende Temperatur, um im T-Shirt draußen zu sitzen und den Fröschen zuzuhören. Und es war eine gute Idee, mit dem Bus nach Batman zu fahren. Am Abend habe ich nämlich keine Kopfschmerzen wie die letzten Abende.

 

 

Video

Musik gibt es keine, dafür eine Aufnahme von Hasankeyf mit Froschgesang:

 

Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am 07 Sep 2016 19:38:39

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